Magdalena Kita

Köln den 8. Februar 2014

Umzingelt von meinen Mädchen d.h. meiner Frau, unseren 2 Töchtern und meiner Pudi Hündin Nela Flocinela. Dabei hören wir das japanische Original des Intros von Attack No1. (bekannt als Mila Superstar in Deutschland). Drinnen und draußen. Außenschau und Innenschau. Interieur und Exterieur. Intimität und Inszenierung. Introversion und Extroversion. Ähnlich der häretischen Altkirche der Adamiten. Nacktheit als Zeichen der kosmischen Liebe, frei der Ursünde bzw. diese überwindend.

Theresa Reusch öffnet sich dem Rezipienten gegenüber scheinbar völlig. Sie inszeniert in einem Panoramabild den Mythos Künstleratelier neu. Die intime Zone des Künstlers, sein Arbeitsplatz, diese von Geheimwissenschaften gegerbte Stätte, das Atelier wird zum eigentlichen Werk. Eine künstlerische Nacktheit und scheinbare Offenlegung der unaussprechlichen Geheimnisse. Einer der intimsten Bereiche, der Magen in dem die gesammelten Erfahrungen, Intentionen und Eindrücke zu einem Werk verdaut werden, ist nun freigelegt. Das Organ ist aus dem Leib herausgeschnitten, geöffnet und wie durch die Hände eines Tierpräparators haltbar gemacht. Allerdings haben wir es hierbei mit keinem Entenmagen oder dem einer Schneegans oder eines Gnus zu tun, sondern es ist vielmehr ein synkretistischer Zaubertiermagen, welcher aus allen erdenklichen Elementen des artistischen Tierreichs besteht. Theresas Atelier suggeriert eine scheinbare Offenheit und völlige Realitätsnähe. Der Betrachter jedoch befindet sich in einer fiktionalen Welt, ähnlich des Fernsehzuschauers, der sich pseudoauthentische Scripted Reality- Shows ansieht und damit eine Scheinrealität dargeboten bekommt. Die Künstlerin ist Regisseurin und gleichzeitig auch Mutter ihrer Schauspieler. Die Kinder sind die Objekte und Kunstwerke innerhalb des Raums. Diese, ihre Kinder, werden so von der Regisseurin gelenkt, dass der Eindruck der authentischen Dokumentation eines intimen Raumes entsteht, der allerdings in Wirklichkeit zur Bühne einer Inszenierung wird. Die einzelnen Elemente die sich in dem Atelier befinden, diese Elemente welche sonst die Stars sind, werden zu Statisten eines Theaters, in dem die Bühne die Hauptrolle spielt. Ihre Bühne ist gleichsam der Arbeitsplatz an dem sie geschaffen wurden. Pinocchio wird von Theresa Reusch in Geppettos Werkstatt angekettet (und auch Geppetto und die Werkstatt werden angekettet) und alles sind Lügner oder eine Lüge oder werden belogen und verbreiten die Unwahrheit als Wahrheit.

Wie soll man einen Text über einen Künstler und dessen Werk schreiben, einen Text der einen objektiven und subjektiven Einblick bzw. eine authentische Empathie erlaubt? Ich war die letzten 3 Tage (nachdem ich die Einleitung für diesen Text schrieb) in Düsseldorf, um mich unterstützend am Aufbau der Rundgangsausstellung meiner ehemaligen Klasse zu beteiligen und damit ich meine Homies nochmal zu sehen konnte. Jeden Abend war ich auf den Weg zur Bahn oder saß schon in ihr drin, um dann doch wieder auszusteigen und umzukehren, um dabei zu sein. Und trotz der ganzen Exzesse hab ich es dieses Jahr geschafft mich nicht nackt auszuziehen und mich danach auf der Scherben und Siff überzogenen Tanzfläche zu wälzen. Kein Verlust der Selbstkontrolle, um sich in dieser Zeit des Kali Yuga wenigstens noch punktuell im Augenblick zu spüren, keine Entblößung und Entwürdigung, um die verlorene Einheit wieder herzustellen, kein Tesa um den Stil der gebrochenen Blume wieder herzustellen. Es genügte mir mit den Leuten am Start zu sein um eine gute Zeit zu haben. Tätig helfend mit meinen Freunden – yeah. Dieser authentische Moment gab mir viel und ich hoffe diese Kraft auf den Text den ich für Magdalena und Theresa schreibe Übertragen zu können obwohl er jetzt 4 Tage später fertig wird als es geplant war.

 

 

Magdalena Kita überzeugt in ihrem Werk mit einer schonungslosen Direktheit, ohne es dabei plump, vulgär oder obszön wirken zu lassen. Ihre meisterhaften Zeichnungen werden als großformatige Prints reproduziert und gezeigt. Die Bilder werden bevölkert von Menschen, Dämonen und anderen Geistwesen, die sich in scheinbar rituell inszenierten Orgien der Lethargie hingeben. Alle gemeinsam umgarnt von Arabesken (vor allem das Paisleymuster) und Symbolen der Hermetik und Hermeneutik, welche die Personen ebenfalls zum Teil des dekorativen Ornaments werden lassen. Und obwohl die Protagonisten ihrer Bilder zur Staflage werden, die dem Selbstzweck des Bildes als Ganzes untergeordnet sind, verlieren sie sich nur oberflächlich im Cluster, denn ihr Charisma bleibt dabei erhalten, ja es verstärkt sich sogar dadurch. Die Künstlerin Magdalena Kita schafft es ihren Bildern den ungekünstelten Ausdruck des 2. Lebensjahrsiebtes, dem Rubikon, einzuverleiben. Diese Zeit zwischen Kindheit und Pubertät, in welcher die Aspekte des Intellekts schon voll ausgebildet sind, allerdings die Welt der Gefühle noch nicht zur Gänze erfasst werden kann bzw. der Emotionalleib noch im Aufbau ist. Diese Eigenheit der Kinder und später der Backfische zwischem dem 7. und 14. Lebensalter, lässt ihre Figuren gelassen mit den sie umgebenden kulturellen und genetischen Altlasten umgehen, ohne dabei in eine abgewichste Kühle zu verfallen welche Erwachsenen zu eigen ist, die sich ihren Gefühlen gegenüber versperren. Ihre Figuren sind ehrlich in ihrem neutralen und emotionsfernen Habitus, da sie die trübende Welt der Emotion nicht kennen. So auch die Bilder. Keine Verurteilung, keine tiefe Scham und noch keine Kontamination mit der Systematik einer sich selbst entfremdeten Menschheit bzw. deren sich permanent selbstreflektierende und rezipierende Kunstwelt. Die Figuren sind Teil, nehmen aber nicht Teil an der geistigen Onanie die sie umgibt, und wahren dadurch die Würde des gesamten Werkes.

Der öffentlichen Raum Kölns bzw. die Werbekästen der Kunstplattform Karat werden nun mit den beschriebenen Arbeiten bespielt. Die hochfrequentierten Schaufenster in der Kölner Innenstadt werden auch über die Karnevalszeit sichtbar bleiben. Der Karneval, diese Ausgeburt einer Gesellschaft, die nun in ihrer finalen Periode der Dekadenz vor dem Verfall steht und scheinbar einen ähnlichen Weg beschreitet wie das Imperium Romanum. Ängstlich werden Triebe und Gefühle unterdrückt anstatt sie anzuerkennen um sie zu transformieren. Die Karnevalszeit bietet der im sozialen und moralischen Korsett steckenden Bourgeoisie, dem apathischen Prekariat und dem gelangweilten Geldadel die Möglichkeit sich im Dreck zu suhlen, um dabei ihre selbstgewählte Gesellschaftsmaske mit einer etwas bunteren Verkleidung zu kaschieren. Magdalenas und Theresas Arbeiten sind auch ein Spiegel dieses Zeitphänomens. Sie thematisieren auf unterschiedliche Art und Weise unser aller Ringen mit dem Innen und Außen. Sie zeigen mögliche emotionale und intellektuelle Konsequenzen auf, welche die Menschen in ihr Leben integrieren können um sich ein Stück weit von ihrer Maske zu befreien bzw. diese als jenes zu erkennen, was sie ist.

Kölle Alaaf und One Love C. Stefanovici